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45°35′ nördliche Breite, 09°32′ östliche Länge

Italien im Herbst – mache einen Abstecher nach Crespi d’Adda, unweit von Mailand, in der Lombardei. Das am Fluss Adda gelegene Textilfabrik- und Arbeiterdorf wurde Ende des Novecento durch einen philanthropischen Kapitalisten der Crespi Färberdynastie initiiert.

Das in den späten 1920er Jahren vollendete Dorf ist fast unverändert erhalten, ein Juwel der Industriearchälogie.

Der Bau begann 1878 und wurde über die Jahre, inspiriert von der englischen Gartenstadt Idee, ein Musterdorf mit gestalterischem Anspruch.

Der Grundriss ist einfach und symmetrisch in drei Hauptbereiche unterteilt: den Wohnbereich, den öffentlichen Bereich und den Industriebereich. Entlang der Adda liegt die Fabrik mit ihren hohen Schornsteinen und daneben die „Burg“ der Besitzer.

1995 wurde Crespi zum UNESCO Weltkultureerbe als vollständigstes und am besten erhaltenes Arbeiterdorf in Südeuropa.

Das Zentrum bildet die Fabrik, auf die hin die Einfamilienhäuser im englischen Stil ausgerichtet sind. Der Haupteingang mit den flankierenden Direktionsgebäuden und aufwendigen Backsteinornamenten bildet den architektonischen Höhepunkt des städtebaulichen Ensembles im neogotischem Historizismus.

Kleiner Exkurs zur Gartenstadt – ein von dem Briten Ebenezer Howard Ende des 19. Jh. entworfenes Modell planmäßiger Stadtentwicklung als Reaktion auf die prekären Wohn- und Lebensverhältnisse im Zuge der Industrialisierung. Statt eines unkontrollierten Wachstums neuer Stadtviertel am Rande der Großstädte, die zur Bildung von Slums führt, schlug Howard die Neugründung von Städten „auf der grünen Wiese“ im Umland vor.

„Verdichtung statt Vorstadt“ beschreibt hingegen die zeitgenössische urbanistische Strategie der vertikalen Nachverdichtung. Wohnraum schaffen, indem bestehende urbane Flächen effizienter genutzt werden, anstatt neue Gebiete am Stadtrand zu erschließen und noch mehr Boden zu versiegeln. The Times They Are a-Changin

Crespi d’Adda war ein gut organisierter Mikrokosmos auf 86 Hektar. Mit Infrastruktur aller Art, Waschhaus, Warmwasserversorgung inklusive, Theater, Schule, Arzt, kleines Hospital, Kirche und sogar einen Pool.

Eine sozialutopische Einheit zwischen Arbeits- und Lebenswelt oder 24/7 Crespi Knast?

Existenz und Bedeutung der Fabrik werden unterstrichen durch die hochragenden Schornsteine und sich wiederholenden Muster der Shedhallen, die sich perspektivisch die Hauptstraße entlangziehen. Länge läuft.

Sie sind dekoriert mit Fensterrosen und achteckigen Sternen aus Terrakotta, dem Emblem Crespi d’Addas – einen idealen Ort symbolisierend.

Doch der Stern von Crespi ist schon lange untergegangen.

Die quadratischen Arbeiterhäuser sind an parallelen Straßen angeordnet, im Süden befindet sich eine Gruppe von Villen für Führungskräfte.

Von den normalen Arbeiterhäusern mit Gemüsegarten heben sich diese, als auch die mehrgeschossigen Unterkünfte für Kurzarbeiter am Ortsausgang, ab.

Damals wie heute bestimmt die soziale Stellung das Wohnen.

Insbesondere die burgartige Villa der Crespis, die nur hinter einer hohen Mauer zu erspähen ist.

Industrial Chateau.

In dieser kleinen Welt herrschte einst der Eigentümer von seiner „Burg“ mit 50 Meter hohen Zinnenturm aus und befriedigte als guter Patrone die Bedürfnisse seiner Beschäftigten, innerhalb wie auch außerhalb der Fabrik, in Vorwegnahme staatlicher Leistungen.

Am Anfang des Dorfes steht die Kirche und daneben die Schule. Allzulange besuchten die Kinder diese jedoch nicht, ab 10 Jahre „durften“ sie in der Fabrik arbeiten.

Deren Schornsteine überragen immer noch das Dorf.

Doch wo einst sich 10.000 Spindeln drehten, stehen heute die Turbinen still. Finsternis herrscht in den verfallenen Hallen, die mit dem bröckelnden Putz ihrer Wandmalereien eine morbide Faszination bewahren.

Ebenso wie das leicht angestaubte Museum mit Schreibtisch, Direktoren Zylinder und Bakelit Telephon. Auf den Spuren einer untergegangenen Zeit empfinde ich mich als visuelle Historikerin.

Kaum zu glauben das Crespi d’Adda der erste Ort mit öffentlicher elektrischer Beleuchtung in Italien war: Age of Enlightenment.

Die Straße durch das Ort ist ein Gleichnis des Arbeiterlebens. Sie zieht sich zwischen Fabrik und Dorf entlang und findet am Friedhof ihr Ende…

Die von Pappeln gesäumte Allee führt auf eine exotisch-eklektizistische Anlage, die im wahrsten Sinne des Wortes im Crespi-Mausoleum gipfelt – einer üppig dekorierten Turm-Pyramide. Hoch überragt sie die letzte Ruhestätte der Arbeiter, deren schlichte Holzkreuze sich in langen Reihen über die Rasenfläche der Gräber erstrecken.

Nur wer in der Fabrik arbeitete, konnte im Dorf wohnen und beerdigt werden. Jedermanns Leben war mit der Fabrik verbunden, mit ihrem Rhythmus und ihren Anforderungen – von der Wiege bis zur Bahre.

Am Ende der 1920er Jahre war mit dem Bankrott der Eigentümer dieses Experiment des Fabrikpaternalismus zu Ende. Doch fast ein halbes Jahrhundert lang ging die Rechnung auf – zufriedene Arbeiter führten zu mehr Gewinn in Spinnerei, Färberei und Weberei.

Heute wird Crespi hauptsächlich von den Nachkommen der ehemaligen Fabrikbeschäftigten bewohnt. Die historische Fabrik war bis zum Konkurs im Dezember 2003 in Betrieb.

Obwohl über eine Stunde entfernt hat Crespi die Vorwahl von Mailand (02). Dies kommt von der einstigen Telefonverbindung der Crespis zwischen ihrer „Burg“ in Crespi und ihrer Residenz in Milano Ende des 19. Jahrhunderts!

Nach Milano geht’s im nächsten Blog über die Villa Necchi, deren Eigentümer ebenso Vertreter der bürgerlichen Industriellen der Lombardei waren wie die Crespis.

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