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Roland Gerth | Urheber: Switzerland Tourism

Gesang der Geister über den Wassern / Song of the spirits over the waters

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.  (
Anmerkung: So high so low…)
Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Diese eigentlich sechsstrophige Gedankenlyrik von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1779 entstand während einer Schweizreise inspiriert vom Eindruck des 300 Meter hohen Staubbachfalls. Der Steinbruch aus meinem letzten DOWN TO EARTH Blog war genau so tief…so high so low. Auch ich reise morgen in die Schweiz, aber nicht um wie Goethe vor einer Liebe zu fliehen, sondern um meine Tochter zu besuchen. Mal schauen mit welchem Gedicht ich zurückkehre ?

Nicht nur Goethe, auch andere Naturliebhaber und Romantiker pilgerten zum Wasserschauspiel des Staubbachfall, der einer der höchsten freifallenden Wasserfälle Europas ist. Im Sommer wirbeln warme Winde das Wasser durcheinander, so dass es, wie die pandemischen Aerosole…., in alle Richtungen stiebt. Diese Wasserstaubfontänen gaben Bach und Wasserfall jedenfalls seinen Namen. Ashes to water.

Goethe stellt der menschlichen Seele das Element Wasser gegenüber. Es ist immer in Bewegung, steht nie still, ewig und vergänglich. Beide kommen vom „Himmel“, auf- und absteigend, im unendlichen Kreislauf der Natur. Die zweite und dritte Strophe (habe ich weggelassen damit keiner eine Poesie overdose bekommt) beschreibt, wie „der reine Strahl“ die hohe Felswand hinabfließt, um „leisrauschend“ wieder im Bachbett anzukommen und in der vierten Strophe schließlich in einen See einzumünden, der so klar ist, dass sich die Sterne darin spiegeln. Bis dann in den letzten beiden Strophen der Wind, die äußere Kraft des Schicksals darstellend, das Wasser aufschäumt und den Lauf der Dinge im Fluss hält.

Wie das Wasser in ewigem Steigen und Niederfallen zwischen Himmel und Erde hin- und herschwebt, so die Menschenseele zwischen Realem und Idealem, zwischen Notdurft und Begeisterung, zwischen Gemeinem und Ewigem, oder wie man die Gegensätze sonst fassen soll… “ Victor Hehn, Kulturhistoriker

Ich hörte diesen Gesang dieser Tage im, zum zigsten Mal zum Opernhaus des Jahres prämierten, heuer fast schon gespenstisch leeren Frankfurter Musiktheater. Das erste Mal wieder, abgesehen von zwei kleinen Concerti in Venedig: Live Music ! Große Oper, beziehungsweise eigentlich nur Vorspiel zu einer kleinen Kammeroper, die den aktuellen Beschränkungen der Corona informierten Aufführungspraxis entspricht.  

Chor Oper Frankfurt, Schubert: Gesang der Geister über den Wassern, 25.09.2020

Die Herren, feierlich-ernst im Frack, mit gemessenen Auf- und Abgängen, singen, von wenigen tiefen, Strei­chern begleitet, Schuberts Goe­the-Vertonung Gesang der Geister über den Wassern. Der schwarze Mund- und Nasenschutz wird auch beim Singen nicht abgelegt. Inszenierung eines Zeitzeichens, in seiner Strenge an die Tragik antiker Chöre erinnernd. Ein berührender Moment in dem mir jäh bewusst wird in welcher Zeit wir eigentlich leben. In welcher Zeit leben wir eigentlich ? Vanitas pur. 

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