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78º 05′ nördliche Breite, 20º45′ östliche Länge

In der Umgebung von Kap Lee findet sich so ziemlich alles, was typisch ist für Edgeøya, drittgrößte Insel des Svalbard-Archipels, benannt nach Thomas Edge, einem englischen Walfänger aus dem 17. Jh.: Tafelberge, hohe Steilküsten, ins Inland auslaufende weiche Hänge und intensiv grüne Tundra mit kleinen gelben Blumen.

An der Bucht findet sich eine historische, achteckige „Karussell“ genannte Hütte von 1904, die jahrzehntelang von norwegischen Trappern benutzt worden ist. Dahinter stehen zwei weitere Hütten, der Strand wurde früher allem Anschein nach nicht nur von Walrossen und in den Weiten der Tundra grasenden Rentieren aufgesucht.

Ich bin noch nie auf so weichem, fluffigen Grund gelaufen. Dieser Bodenbrei ist die aufgetaute Oberschicht des Permafrostes, der noch immer 1/5 der Erdoberfläche bedeckt. Die sommerliche Auftauschicht wird als active layer bezeichnet und stellt den Wirkungsbereich der Kryoturbation, von griech. kryos ‚Frost‘ und lat. turbare ‚umherwirbeln‘, dar. Die Auftautiefe beträgt meist 50 bis 70 cm. Aber anstatt zu wissenschaftlich zu werden, sollte ich besser auf Schritt und Tritt aufpassen um nicht in feuchtere Stellen zu treten, denn die Gefahr ist groß im Permafrost stecken zu bleiben…

Dann könnte ich mir nicht mal mehr à la Robinson, wie die Trapper früher, aus den umherliegenden Baumstämmen eine Hütte bauen um hier zu leben. Falls ihr euch wie ich fragt wo die Baumstämme eigentlich her kommen – sie sind von weit her über Sibiriens Flüsse polarzirkular angeschwommen – und bieten im Gegensatz zu dünnen Brettern einen guten Schutz vor Eisbären. 

Und tatsächlich sehe ich einige Seemeilen weiter: die ersten Eisbären!

Nicht ganz in ihrem eigentlichen Revier – etwas träge auf Gras und Felsen liegend, werden sie den Sommer über weitgehend von ihren Fettreserven leben müssen; zu fressen finden sie entlang der Südküste der Barentssee kaum etwas. Bärenstark – das war einmal.

Etwas wohlgenährter und heiterer wirken die Walrösser, die mir bereits auf der Zodiac Fahrt durch die Bucht im Wasser begegnet sind. Walrosse sind die größten Robben der Arktis: Sie werden bis 3,50 m lang, 1.500 kg schwer und sind ziemlich tiefenentspannt wenn man sich ihnen behutsam annähert.

Kap Lee ist ein tradtioneller Liegeplatz für Walrosse. Seit dem Jagdverbot in den 1950ern vermehren sie sich langsam wieder. Wegen Ihrer charakteristischen Stoßzähne aus Elfenbein, deren Wert dem Jahresverdienst eines Bauern entsprach, waren sie fast ausgerottet.

Sichte eine Walross-Kolonie – so an die 100 Tiere liegen dicht nebeneinander. Nicht weil es ihnen kalt ist, nein – in Svalbard, auch das warme Herz der Arktis genannt, ist ja noch Sommer, sondern einfach weil sie so puschelig oder Verhaltensbiologisch formuliert: positiv thigmotaktisch sind.

Männliche und weibliche Tiere halten sich außerhalb der Paarungszeit übrigens weitgehend voneinander getrennt.

Das heisst wir haben es hier und heute mit einem gleichgeschlechtlichen, so weit ich es beurteilen kann, weiblichen Kuschelhaufen zu tun.

In Svalbard ist die Population mittlerweile wieder auf 4000-5000 gestiegen. Urtümliche Tiere in einer urzeitlichen Landschaft!

Ihr seht schon – ich kann mich nicht so recht von diesen knuffeligen Seesäugern trennen…

...I am the walrus
Goo goo g’joob, goo goo goo g’joob…
(Beatles,1967)

Etwas klassischer klingt der Seele-Fant aus meinem Lieblings Kleinkinderfilm „Urmel aus dem Eis“. Er liegt meistens auf dem Felsen vor der Insel und singt traurige Lieder: An förnöm Ort, onnahbar eurön Flossön…Sein Gesang bezieht sich etwas parodistisch auf Richard Wagner.

„Urmeli“ selbst habe ich leider auf meiner Arktissafari nicht gesehen, aber einige kleinere Robben mit ihrem unwiderstehlichen Kindchenschema Blick.

Vielleicht sehe ich auch noch einen Blauwal? Mit bis zu 33 Metern das größte Säugetier der Welt – welches gelegentlich um den Polus Arcticus gesichtet wird.

Und last not least sehe ich aus der Ferne, durch die in die Höhe springende Fontäne des Blas aufmerksam geworden, am letzten Seetag auf der Dänemarkstraße zwischen Grönland und Island nicht nur einen Wal, sondern eine ganze „Schule“ dieser faszinierenden Meeressäuger.

The big arctic five (mit Moschusochsen und Polarfüchsen sogar sieben) – they are still alive – lasst uns alles tun damit dies so bleibt – versprochen?!

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